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Im Magazin der Steyler Missionare „Leben jetzt“, Nr. 5, Mai 2021, hat sich Lj-Autorin Xenia Frenkel auf Spurensuche begeben. Mit Genehmigung der Redaktion von „Leben jetzt“ dürfen wir diesen bemerkenswerten Artikel auf unserer Homepage im Folgenden veröffentlichen:

Wer bist du, Maria?

Du hast einiges mitgemacht in den 2000 Jahren deiner Wirkungsgeschichte. Woher kommt der Kult um dich? Hast du unser Bild von Mütterlichkeit geprägt? Von Schönheit und Weiblichkeit? Bist du Symbol von Unterdrückung oder Befreiung? Ein Vorbild für Solidarität, Freundschaft, tatkräftiges Mitgefühl? Eine ganz persönliche Spurensuche von Lj-Autorin Xenia Frenkel.

 

Es ist Mai. Die Natur zeigt sich in ihrer gan­zen Kraft. Es ist dein Monat, Maria. Auf ei­nem der Türme des Berliner Reichstags flattert eine Fahne im Frühlingswind. 12 Sterne, kreisförmig angeordnet auf blauem Grund. Das Sternen­banner steht für ein vereinigtes, friedliches, vollkommenes Euro­pa. Es dauerte, bis man sich auf diesen Entwurf geeinigt hatte, doch am Ende wurde es deine Himmelskrone. So wie du in der Offenbarung des Johannes be­schrieben wirst: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne beklei­det; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt."

Ob jemand bei der Flaggenwahl daran dachte, wissen wir nicht. Jedenfalls verweisen die 12 Sterne Marias ursprünglich auf die 12 Stämme Israels. Maria kommt aus dem Haus Davids und somit aus dem Stamm Juda. Aber was hat sie mit Europa, jener Gestalt aus der griechischen Mythologie zu tun, die unserem Kontinent sei­nen Namen gegeben hat? Nichts. In der griechischen Mythologie ist Europa eine naive, schöne Prinzessin, die Zeus in Gestalt eines weißen Stiers entführ­te. Maria ist aus anderem Holz geschnitzt. Sie lässt sich weder ent- noch verführen. Liest man ein wenig zwischen den Zeilen, vermittelt der Evangelist Lukas das Bild eines recht selbstsiche­ren jungen Mädchens.

Mit Maria beginnt eine neue Zeit

2009 wurden bei Ausgrabun­gen der israelischen Antiken­verwaltung nahe der Verkündi­gungsbasilika Überreste eines Wohnhauses aus der frühen rö­mischen Periode gefunden, die Rückschlüsse auf die Gegeben­heiten zur Zeit Jesu zulassen.

Es ist ein kleines, bescheidenes Haus mit zwei Zimmern. Im Hof gibt es eine in den Felsen gehau­ene Zisterne. Hier, so stelle ich mir vor, tritt also eines Tages ein schöner, junger Mann bei Maria ein. Dahinter verbirgt sich der Engel Gabriel.

Interessant ist, dass Gott Ma­ria nicht selbst fragt. Er schickt einen Boten. Damit beginnt eine vollkommen neue Geschichte über die Verbindung von Gott zu den Menschen. Anders als in den alten Mythen, wo die Götter über die Menschen herfallen, gibt Gott Raum für eine freie Antwort. Als der Engel verkündet, „Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: Dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchs­ten genannt werden", reagiert Maria skeptisch.

Lukas schreibt, sie sei er­schrocken gewesen, doch ihre Frage, „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?", klingt eher schnippisch als ein­geschüchtert. So würde viel­leicht auch heute ein Mädchen reagieren, das nicht auf den Kopf gefallen ist.

Hätte Maria eigentlich auch Nein sagen können? Und wenn ja, wäre der Engel dann weiter­gezogen und hätte das nächste junge Mädchen gefragt? „Nein, es kam auf sie an, auf diese eine, ganz besondere Frau mit ihrer langen Ahnenreihe", sagt die Religionsphilosophin Hanna ­Barbara Gerl-Falkovitz. Maria begreift das sofort. Ihre Demut angesichts des „Ansinnens", als Jungfrau Gottes Sohn zur Welt zu bringen, ist nicht Unterwür­figkeit, sondern die Anerken­nung der Allmacht Gottes.

Woher kommst du, Maria?

Es ist heiß, die Luft staubig. Ein Guide lotst Touristen durch quirlige Straßen mit unzähli­gen Cafes und Geschäften Rich­tung Nazareth Village, einer Art Museumsdorf mit historischen Weinterrassen und rekonstruier­ten Bauten, das einen Einblick in das Leben zur Zeit Jesus vermit­teln soll.

Zu deiner Zeit, Maria, war Na­zareth ein Nest. Wie andere Mäd­chen hast du vermutlich Tiere versorgt, bei der Wein- und Oli­venernte geholfen, Wasser von weit entfernt liegenden Brunnen geholt. Schaut man sich die da­maligen Lebensbedingungen an, dürftest du nicht allzu zart be­saitet gewesen sein.

Die Verhältnisse waren be­scheiden. Dennoch gehörte deine Familie aufgrund ihrer Abstam­mung einer gebildeten Schicht an. Einer, in der Frauen in Teilen durchaus ein selbstbestimmtes Leben führten. Sie waren erbbe­rechtigt. Bei den Rechtssatzun­gen über Eltern wurde nicht nach Mann und Frau unterschieden (Lev 20,9). Auch die Namensge­bung der Kinder ist sowohl von Frauen (Gen 29,32) als auch von Männern (Gen 21,3) überliefert.

Konnten Frauen vielleicht auch lesen und schreiben? Gregor Geiger vom Forschungszentrum Studium Biblicum Franciscanum geht davon aus, dass zumindest die Männer in der jüdischen Be­völkerung lesen und schreiben konnten - und vermutlich auch einige Frauen. Ein Renaissance­künstler verstand Maria jeden­falls als schriftkundig. Die Holz­plastik „Anna lehrt Maria das Lesen" zeigt das Kind Maria neben ihrer Mutter Anna. Sie blickt in die Heilige Schrift und hält in der Hand einen sogenannten Jad. Der Thora-Zeiger dient bis heute zum Deuten der Textzeilen. Ob diese Darstellung künstlerische Fantasie ist oder nicht, ich den­ke, Maria dürfte ein intelligentes Mädchen gewesen sein.

Die Mutterschaft als Zeichen Marias

Eines Tages, Maria ist schon hochschwanger, besucht sie ihre Cousine Elisabeth. Sie ist 15 oder 16, nach damaligem Verständ­nis eine erwachsene Frau. Bei diesem Treffen macht sie sehr deutlich, was sie bewegt: „Der Mächtige hat Großes an mir ge­tan, / und sein Name ist heilig. / Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht / über alle, die ihn fürchten. / Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: / Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. / Er stürzt die Mächtigen vom Thron / und er­höht die Niedrigen. / Die Hun­gernden beschenkt er mit seinen Gaben / und lässt die Reichen leer ausgehen. / Er nimmt sich seines Knechtes Israel an / und denkt an sein Erbarmen, / das er unseren Vätern verheißen hat, / Abraham und seinen Nachkom­men auf ewig." Das klingt nach einer Revolutionärin. Einer, die von Anfang an und sehr bewusst die Sache ihres Sohnes zu ihrer macht. So erzieht sie ihn auch.

Ich stelle mir Maria als ech­te jiddische Mamme vor, eine Löwin mit einem lebhaften, blitzgescheiten, bisweilen auf­brausenden Sohn. Eine, die sich um ihn sorgt, auch als er längst erwachsen ist. Keine Entfernung ist ihr zu weit, kein Weg zu be­schwerlich, wenn sie ihn in Ge­fahr wähnt.

In unseren modernen Zeiten macht man sich über diese Art der Mütterlichkeit ja gern lustig. Die Glucke, die stets Wärme und Trost spendet ... Doch in Zeiten, wo Mütter das Zentrum der Fa­milie sein mussten, waren sie mächtig, nicht lächerlich. Mut­terschaft ist kein Spaziergang. Es bedeutet, einen Menschen ins Leben zu begleiten. Das er­fordert neben aller Liebe Kraft, Ausdauer, Mut. „Mutter ist, wer Angst bannt", sagt Hanna-Bar­bara Gerl-Falkovitz. Dazu, das sei angemerkt, muss man nicht selbst geboren haben. Dem Bild der sanften Maria möchte ich jedenfalls die Attribute wider­standsfähig und unerschrocken hinzufügen.

Ihr Sohn gerät denn auch ganz nach ihr. Man mag das an­ders sehen, aber dass die Mutter einer so herausragenden Per­sönlichkeit wie Jesus keinerlei Einfluss auf seinen Werdegang gehabt haben soll, erscheint mir nicht richtig. Hier die großen Söhne und da, nun ja, die klei­nen Mütter? Ganz so ist es sicher nicht.

Die Heilige unter den Heiligen

Es ist schade, Maria, aber wir wissen nur wenig von dir. Das liegt daran, dass du im Neuen Testament nur insgesamt viermal namentlich erwähnt wirst. Dafür hast du eine schier unglaubliche Karriere hinge­legt. Du wirst auf der ganzen Welt verehrt und geliebt. Das Judentum, schreibt der Judaist David Flusser, sieht in dir sein „weibliches Antlitz". Im Koran wirst du als einzige Frau na­mentlich genannt. Kirchen, in deinem Namen erbaut, finden sich auf jedem Fleck der Erde. Sogar in Brunei, China, Singapur und Vietnam bitten Christinnen und Christen inständig um dei­nen Beistand. Jahr für Jahr strö­men Millionen von Menschen nach Fätima, Lourdes, Loreto, Tschenstochau, Guadalupe, Les­Saintes-Maries-de-la-Mer, Ve­lankanni, Aparecida, Altötting, Mariazell, Kevelaer, Einsiedeln. Fast möchte man dich vor die­sem Ansturm beschützen. Und auch vor dem Wildwuchs, der mitunter daraus resultiert.

Die Himmelskönigin

Wie wurde aus dem jungen Mäd­chen aus Nazareth eigentlich die alles überragende Himmelskö­nigin? Das kommt aus der alten orientalischen Welt, die wun­dervolle Bilder für die Frau als Ursprung und Bewahrerin des Lebens hervorgebracht hat. Un­ter anderem Nut, die Mutter der ägyptischen Götter und Heim­statt von Sonne, Mond und Ster­nen in einem unendlichen Him­mel, den wir viel später an Maria als Mantel wiedersehen.

Die Kunst mit ihren überir­disch schönen Madonnen und den herzzerreißenden Darstel­lungen der Pietä hat gewiss zu Marias Strahlkraft beigetragen. Doch das allein erklärt das „Phä­nomen Maria" nicht.

Vielleicht müssen wir kurz über ihren kirchlichen Werde­gang sprechen. Genauer gesagt, über die vier Marien-Dogmen: die frühen - Jungfrau und Mutter und Gebärerin Gottes - und die relativ neuen: unbefleckte Emp­fängnis und mit Leib und Seele in den Himmel aufgestiegen.

Die biblischen Berichte er­zählen nicht, wie die Dinge damals in allen Einzelheiten vonstatten gingen, aber sie be­tonen: Gott wird Mensch mit allem Drum und Dran. Lang be­vor Joseph Ratzinger Erzbischof von München und Papst wurde, schrieb er in seiner Einführung in das Christentum, „... die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus ei­ner normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre."

Wenn wir Maria nur in ent­rückter Heiligkeit sehen, sie gar von wegen Jungfrauengeburt aus dem Glauben herausnehmen, „wird uns auch der Sohn immer abstrakter", sagt Hanna-Barba­ra Gerl-Falkovitz. „Wir können dann nicht mehr den Menschen Jesus begreifen. Und auch der Jude Jesus wird uns fremd." An­ders gesagt: Bei aller Heiligkeit ist Maria auch eine ganz norma­le Frau und Mutter. Sie ist nah, Freundin und Vertraute, inspi­rierende Wegbegleiterin und Halt, wenn wir nicht mehr wei­terwissen.

Marias schwerster Weg

Eine Mutter hält ihren toten Sohn im Arm. So habe ich dich, damals fünf, zum ersten Mal in der Dorfkirche Peter und Paul in Partschins in Südtirol gesehen. Ich wusste noch nichts von dem unendlichen Schmerz einer Mut­ter, die ihr totes Kind beweint.

Viele Jahre später, nach einem großen Unglück in meinem Le­ben, habe ich oft Vivaldis „Sta­bat Mater" (Es stand die Mutter) gehört. Darin drückt sich die ganze Verzweiflung und Trauer der Mutter Maria aus, und auch unsere in unseren dunkelsten Stunden.

Du stehst unter dem Kreuz. Auch jetzt bist du da. Bei dei­nem Kind. In der letzten Minute seines Lebens sagt Jesus zu dir: „Siehe deinen Sohn." Er deutet nicht auf sich, sondern auf Jo­hannes. Was für ein kraftvolles Bild! Wir sind Mütter und Vä­ter aller Kinder dieser Erde. Wir müssen da sein, mitfühlend zu­einander schauen. So wie es Ma­ria gelebt hat.

Du hast nicht aufgegeben. Die Bibel berichtet, dass du und dein Sohn Jakobus eine Stütze der frühen Kirche wart. In der Apostelgeschichte wirst du als eine der Frauen erwähnt, die zu Pfingsten den Heiligen Geist empfängt. Dann verliert sich deine Spur.

50, 55 Jahre bist du wohl ge­worden, in Ephesus oder im Ki­drontal bei Jerusalem begraben. Fern von deiner Heimat. Wir wissen nicht, wer dich auf dei­nem letzten Weg begleitet hat, aber ich hoffe, es waren Men­schen, die dich liebten und dir vertraut waren. Wo auch immer du bist, ich sehe dich mit Ster­nenkranz in einem strahlend blauen Himmel. Danke für deine Freundschaft und Liebe.

ZUM WEITERLESEN

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: „Maria. Der andere Anfang" Medien-GmbH Heiligenkreuz.

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Gespräch zwischen Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Joelle-Marie Declerqu auf YouTube: „Freundinnen - Über die Muttergottes".

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